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LIVRAMENTO, URUGUAY & FUSSBALL

Ich bin zurück vom anstrengenden Rotary-Treffen in Livramento. Diese Leute neigen doch manchmal zur Übertreibung, doch von Dänemark her war ich es bereits gewöhnt, einem Club nach dem anderen präsentiert zu werden und viele neue Austauschschüler zu treffen. Ich war der einzige von ihnen, der nur 6 Wochen bleibt, alle anderen waren „long-term participants“, bleiben also mehr oder weniger ein Jahr. Sogar ein Mädchen, das ursprünglich aus Livramento stammt, war bei uns dabei, denn sie war gerade erst aus Deutschland zurückgekehrt, wo sie etwa dreizehneinhalb Monate verbracht hatte. Ausserdem kannten sich zwei, nämlich ein ziemlich gemeiner Kanadier (er steckte voller Sarkasmus und fieser Scherze) und eine davon sehr betroffene und verärgerte Australierin (mit der ich mich sehr gut verstanden habe), schon vom letzten Rotary-Meeting, denn die beiden sind schon seit etwa acht Monaten in Brasilien. Dann waren da noch vier Mexikaner (von denen ich endlich den spanischen Trinkspruch gelernt habe. Lisa, Isi, Barbara: ihr wisst noch wie der Kerl, der dich dann das Geld einsammeln hat lassen, uns diesen seltsamen mallorquinischen Likör gezeigt hat, der mich an Enzian erinnert hat? – „Abacho hidalgo“ usw.), die laut den beiden Skill-Mädchen so gut aussahen, zwei weitere Deutsche (das Mädchen war ein bisschen snob, wie ich mir gedacht habe, aber der Junge war ziemlich nett. Er hat zugunsten seiner Zwillingsschwester auf einen USA-Platz (in der Nähe von Los Angeles) verzichtet; er machte allerdings den Eindruck, als würde er Pfeffer essen, als er mir das erzählt hat), ein Mächen aus Polen und zwei Amerikaner. Ray war sogar der jüngste, erst fünfzehn, aber sehr lustig. Der zweite war so die Verkörperung eines Stereotypen (so?), aus Idaho, glaube ich. Wir haben uns aber gut verstanden. Er hat sich aber geweigert, sich in Portugiesisch zu versuchen, da er erst zwei Wochen hier sei, und seiner Mom gleich alle Papiere überreicht. Sie schienen sich alle öfters zu treffen, da sie doch alle in der Nähe wohnen. Und erst dort haben sie übrigens alle Regeln und Verbote ausgeteilt. Ich würde sagen: etwas spät, gerade weil sie die Wichtigkeit (vor allem der drei Ds [wer jetzt an den Geschichtsunterricht vom Gross in der zehnten Klasse denkt, liegt falsch. Das waren 6 Ds]: drinking, driving, dating (oder drugs?). Und jetzt schreib ich das schon mit Abostroph [während ich diese entferne, hoffe ich, ich habe dieses Wort wenigstens einmal richtig geschrieben], soviel dazu) so betont haben.
Und ich fühle mich etwas desorientiert und unvorbereitet (nicht dass mir irgendein anderes Gefühl vertrauter wäre), denn die anderen haben bereits ein Jahr vorher mit den Vorbereitungen für ihren Auslandsaufenthalt angefangen, ihren Blazer besorgt und sich Visitenkarten gedruckt, während ich von keinem dieser wichtigen Dinge erfahren habe, bevor ich bereits mitten im Austausch war. Ich war noch nicht einmal dort. Aber das werde ich nachholen. Kein Problem.
Die Stadt ist etwas sehr Besonderes, nämlich die Doppelstadt Livramento / Riveira. Im Herzen der Stadt liegt der „Internationale Park“, der eine richtige Ländergrenze ist: Livramento liegt in Brasilien, und der Park ist das Tor zu Uruguay. Die Leute hier verstehen sowohl Portugiesisch als auch Spanisch und sind sehr weltoffen, habe ich mitbekommen. Perfekt!  
Am Abend haben wir uns dann in einem uruguayanischen Lokal (aber draussen) getroffen und sind dann ein bisschen durch die Strassen der Stadt gezogen. Sehr städtisch, aber wie überall etwas alt. Dieses wunderbare Flair.
Mit weiter war nichts mehr. Meine Gastfamilie in Livramento war die passendste, die man sich vorstellen kann. Aus keinem bestimmten Grund; ich hatte nur einfach den Eindruck, dass sie das gerne machen und richtig darin aufgegangen sind. Sie hat noch bis in die Nacht für diesen Test gelernt, nachdem ich beinahe in einer fremden Stadt mit den anderen gestrandet wäre. Aber die Mutter des etwas planlosen Amerikaners hat uns alle abgeliefert. Übrigens sind hier alle Städte so hügelig.
Am nächsten Tag früh um acht ein weiteres Rotary-Meeting, aber ich bin es langsam gewöhnt mich zu präsentieren. Also alle in einer langen Reihe aufgestellt gestanden, während uns etwa einhundert Leute ansehen, als wären wir völlige Exoten, und der Mann scheinbar nicht mehr aufhören will zu sprechen. Dann durften wir endlich unsere portugiesischen Sätze sagen und nach einer weiteren halben Stunde und einem exklusiven Foto-Shooting waren die Zoobesucher plötzlich verschwunden und wir allein. Also haben wir beschlossen, unter der Führung der wahrscheinlich einzigen beiden Mädchen in Livramento, die diesen Test nicht gemacht haben, nach Riveira hinüberzugehen, wo sich die „free shops“ befinden – riesige Läden, von denen alle ein buntes Wirrwarr aus Süssigkeiten, Elektronikgeräten, Fussballtrikots und Alkohol verkaufen, die aber tax-free sind, wie im Flughafen. Und deshalb: sehr billig. Die ganze Bevölkerung des Grenzlandes pilgert regelmässig dorthin um einzukaufen. Sehenswert, aber frühs um zehn etwas anstrengend. Bis um zwölf haben wir uns im „grünen Hotel“ (Verde Plaza; auf brasilianischem Boden. Mann, das fällt mir erst jetzt auf: wer kennt die Textpassage aus der Eidechsenfeier > ‚he went down south and crossed the border, left the chaos and disorder right there back over his shoulder. One morning he awoke in a green hotel with a strange creature groaning beside him. Sweat oozed from its shiny skin ...’? Aber das ist es.) eingefunden, um mit sämtlichen Rotariern sowie Englischlehrern als auch besorgten Eltern, mitfiebernden Freunden und Testwilligen zu Mittag zu essen. Und wir mussten wirklich nur essen, ohne uns zu präsentieren. Noch kurz zu diesen Tests: in Brasilien gibt es so viele junge Menschen, die ins Ausland wollen, dass sie hier einen Test machen – und vor allem bestehen – müssen; die meisten scheitern aber nicht am Englischen (was ich nach der Schule und Skill vermutet hätte), sondern am Wissen über Rotary. Das steht sehr im Gegensatz zu den unaustauschwilligen Deutschen.
Da sich also das Mädchen, mit dem ich hergekommen war, nicht weiter qualifizieren konnte, hätten wir eigentlich sofort aufbrechen müssen, doch ich konnte noch Bibi ausfindig machen, die weitergekommen ist. Bis um fünf hatte ich also noch mit den anderen inbounds. Desorganisiert und planlos wie immer sind wir dann – mein Gepäck hatte ich irgendwoher – in das Haus einer Frau gegangen und haben zu fünfzehnt oder so in einem winzigen Zimmer einen Film gesehen, bis Bibi fertig war und wir nach Hause sind. Wir mussten die offiziellen Strassen umgehen, wegen gewisser Zoll- oder Steuerbestimmungen für Klimaanlagen, aber abends waren wir hier.
Heute mittag sind wir aufs Land gefahren. Ihr Vater hat Kühe gekauft. Und auf dem Land gibt es noch richtige Ranchs mit richtigen Gattern und richtigen Cowboys. Ich nehme mal an (denkend an Lisas Hang zum amerikanischen Westen und allem was dazu gehört), es hätte ihr gefallen (ich denke an das Bild aus ... war es Spanien?). Er ist über den Zaun geklettert und hat mit ihnen etwas ausgemacht, dann haben sie sich auf ihre Pferde geschwungen, haben die Rinder aus dem Gatter getrieben und sie dann im Western-Stil über endlose Weiten irgendwohin geleitet. Hatten sie Lassos? Ich weiss es nicht mehr. Aber alles sehr authentisch. Und die Kühe stehen hier nicht im Stall und sterben, wenn sie sterben – hm, das eigentlich schon, aber sie stehen nicht im Stall. Die Gelände sind hier so riesig, dass man die Einzäunung schon lange nicht mehr sieht; wenn man irgendwo drin steht, sieht man nur vereinzelt Kühe bis zum Horizont. So weit verteilt. Man glaubt, die Weiden wären überhaupt nicht begrenzt.  Dann sind wir zurückgefahren, hierher. Und hier bin ich immer noch. Aber wer weiss für wie lange noch. Denn heute war:
GRE-NAL. Das ist das Ende der Zivilisation. War vielleicht jemand in Rom, kurz nach dem Endspiel am 9. Juli 2006? Von genau so was komme ich gerade zurück. Ich hole aus:
Die beiden rivalisierenden Teams, Grêmio und Internacional, spielen einmal pro Saison gegeneinander, logisch. Aber wenn sie das tun, steht ganz Rio Grande do Sul auf dem Kopf. Egal, einer wird gewinnen – im Extremfall auch zwei – und deshalb bereiten sich alle darauf vor zu feiern. Schliesslich hat Grêmio den Vorsprung von 1:0 (das schreibt man hier übrigens 1x0) gehalten und hat gewonnen. Und das war ein Aufruhr in der Stadt. Überall Menschen mit Grêmio-Trikots, Flaggen, Hüten. Autoschlangen, die sich durch die Innenstadt winden und von Soldaten geteilt werden, Hupkonzerte, tanzende Fans ...
Irgendwie sind wir nach Hause entkommen, wo wir schliesslich auf irgendetwas warten. Ich glaube darauf, dass die Pizzeria frei wird.

 

SYL.T

 

17.9.07 02:52
 


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